Andere Geschichte = andere Vorstellungen von gutem Sound?

Was wäreDie Sounds, die ein Mensch bereits kennt und die Erwartungen, die er hat, prägen seine Hörgewohnheiten und an diesen wird jeder neue Sound gemessen.
In den 50er Jahren wurde die Gitarre erstmals mit Verstärkern im Pegel verstärkt, damit sie sich gegen die anderen Instrumente besser durchsetzen konnte. Während die Gitarre vorher eher ein Begleitinstrument war, konnte sie nun auch als Soloinstrument eingesetzt werden.

Da die ersten Amps noch leistungsschwach waren, wurden sie weit aufgerissen und es entstanden die ersten Verzerrungen. Leo Fender hat damals versucht, Röhren- Amps zu kreieren, die (vor dem Hintergrund seiner Vorstellungen von Musik) möglichst clean klingen und keine Verzerrungen erzeugen. Aber gerade diese Amps waren diejenigen, deren Sound den Maßstab für verzerrte Sounds für fast alle Gitarristen darstellten und bis heute darstellen.

Was wäre wenn…?

Aber was wäre, wenn nicht die Röhren-Technik zuerst entwickelt worden wäre, sondern die Transistor-Technik oder in einem ganz extremen Fall: die Digital-Technik?

Wenn Jimi Hendrix also statt mit einem Marshall Röhren Stack mit einem Line6 Modeling Verstärker mit vorgeschaltetem AxeFX aufgetreten wäre und hiermit seine einzigartigen Sounds erzeugt hätte?

Und woher wissen wir überhaupt, wie Hendrix wirklich klang? Alle Sounds, die man heute noch von ihm hören kann, wurden schließlich aufgenommen und digitalisiert. Der wirkliche Sound, der aus seinem Amp kam, existiert eigentlich nur in unserer Vorstellung und dem Ideal von einem guten Klang.
Wer schreibt vor, dass dieser antiquierte Sound der 50er und 60er der Maßstab für einen guten Gitarrensound ist?

Eigentlich sind Röhren-Verstärker fehleranfällig, rauschen und verbrauchen viel Strom. Würden sie aufgrund dieser Aspekte abgelehnt werden, wenn wir mit der digitalen Technik aufgewachsen wären? Würde man heute sagen, dass der Amp mit 12AX7 und EL34 Röhren schlechter klingen würde, als ein wunderbarer DSP basierter Amp mit Class D Transistor Endstufe?

Vom bösen und vom guten Rauschen

Ebenso bei Effektgeräten. Stellt man bei einem analogen Delay die maximale Delayzeit ein, so wird das Signal dumpf und ein wahrnehmbares Rauschen mischt sich zum Signal. Trotzdem wird dies als Charakter eines Pedals wahrgenommen, während digitale Delays ohne diese Nebeneffekte funktionieren.

Im Gegenteil: Digitale Emulationen eines Analog Delay bieten sogar die Möglichkeit das Rauschen stufenlos hinzuzufügen!
Dabei sind Rauschen und ein dumpfer Sound nicht generell gut. Viele Pedalboards wurden schon mit Switchern ausgestattet, um eben dies zu vermeiden. Und wenn der geliebte Röhren-Amp rauscht, ist es an der Zeit, die Röhren zu wechseln. Wir mögen das Rauschen der Effekte und die Verzerrungen des Röhren-Amps, da wir wissen, dass dies traditionell und damit gut ist.

Es kommt also immer darauf an, an welchen Sound wir gewöhnt sind und in welchem Kontext vermeintliche Störungen auftreten.

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