Sind 100 Watt Röhrenamps noch zeitgemäß?

Full stackIn den Anfangstagen der Röhrenamps hatten die Verstärker meist eine maximale Leistung von ca. 30 Watt.
Dies war zu einer Zeit, als es noch keine PA gab und man die Gitarren lediglich über die Amps gehört hat.
Bekannt ist aus dieser Zeit, dass die Beatles weder sich selbst gehört haben, noch vom Publikum gehört werden konnten, da die Musik einfach im Geschrei der Fans untergegangen ist.
Das war die Zeit, in der die ersten 100 Watt Amps entwickelt wurden.

Noch heute ist die Nachfrage nach 100 Watt Topteilen groß und viele Gitarristen schwören auf ein Marshall Full Stack, obwohl die Nutzung eines derart leistungsstarken Amps schwierig ist.
Zuhause kann man diesen Amp eigentlich gar nicht aufdrehen, im Proberaum könnte die Lautstärke schwierig sein, für viele Clubs ist er zu laut und selbst bei Festivals wird der Tontechniker sich beschweren, da der Amp ins Publikum abstrahlt und somit den Gesamtklang verfälscht.
Wenn man in großen Stadien spielt, könnte ein 100 Watt Amp immer noch vertretbar sein, aber auch hier ist er aufgrund der PA nicht erforderlich.

Warum also 100 Watt?

Viele legendäre Amps der 60er und 70er haben 100 Watt: der Marshall Plexi und der Marshall JCM 800 ebenso wie der Hiwatt Custom 100 oder der Fender Twin Reverb und einige mehr.
Diese Sounds haben Maßstäbe gesetzt und der Klang ist unvergleichlich.
Zu beachten ist allerdings, dass diese Amps ihren charaktervollen Sound nur entfalten können, wenn sie so eingestellt sind, dass auch die Endstufe leicht zerrt und somit alle Komponenten an der Klangformung beteiligt sind. Aber dann sind sie eben wahnsinnig laut.
Sicherlich kann man einen Twin Reverb im Wohnzimmer auf Stufe 1 stellen.
Dieser Klang kann auch durchaus brauchbar sein, hat jedoch nichts mit dem legendären Sound eines leicht in die Sättigung gefahrenen Twins zu tun.

Es gibt zahlreiche Kompromisse, um diese lauten Amps etwas zu zähmen: Power Soaks, Isolationsboxen, eventuell ein nachgerüstetes Power Scaling oder abschirmende Stellwände.
Aber wenn man ehrlich ist, sind die Ergebnisse dieser Versuche nur bedingt mit dem Klang eines voll aufgerissenen Marshall Amps zu vergleichen.

Welchen Sound suche ich wirklich?

Oft sind die legendären Sounds mit viel kleineren Amps erzeugt worden.
Auch wenn Led Zeppelin auf den Bühnen immer mit großen Full Stacks (Topteil mit zwei Boxen) gesehen wurden, haben sie im Studio meist einen kleinen Supro Combo (5 Watt) für die Aufnahmen benutzt.
Ähnlich ist es bei den Rolling Stones: Jeder verbindet den Sound von Keith Richards mit einem Fender High Power Tweed Twin.
Bekanntermaßen nutzte er im Studio jedoch Tweed Champs (5Watt) und Tweed Harvard (15 Watt) Amps.
Selbst Jimi Hendrix, der live nur Marshall Plexis verwendete, hat im Studio mit Fender Amps aufgenommen.
Mit diesen kleinen Amps kann man dem Sound der Platten und CDs also viel näher kommen, als mit dem Live Equipment der Bands.

Maximal 15-20 Watt

Meiner Meinung reicht es daher heutzutage absolut aus, einen Amp mit 15-20 Watt zu nutzen.
Dieser Amp ist immer noch laut genug für den Proberaum und kann ohne Probleme mikrofoniert werden.
Das gesparte Geld kann man ja in ein gutes InEar Monitoring investieren.
Dann hört man sich immer perfekt und hat seinen Mix selbst in der Hand.

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